Hamburger Hafen: Jetzt auch noch Klagen der Binnenschiffer

Hamburger Hafen: Jetzt auch noch Klagen der Binnenschiffer

Die Unternehmen klagen über deutliche Verzögerungen und höhere Kosten. Nun droht ein neues Problem, das mit Corona zu tun hat.

Hamburg.  Die Logistikdrehscheibe Hamburger Hafen läuft nicht mehr rund. Ein größerer Stau an Ladung, nicht eingehaltene Fahrpläne und Verzögerungen bei der Abfertigung wirken sich inzwischen auch auf die Binnenschifffahrt sowie die Häfen im Hinterland aus. „Wir haben erhebliche Probleme, unsere Ladung abzuliefern, weil die Containerstellplätze belegt sind“, sagt Heiko Tominski von der Deutschen Binnenreederei.

„Eine Woche lang wurden beim Containerterminal Eurogate gar keine Container mehr angenommen. Unsere Schiffe kosten am Tag 2500 Euro und stehen nutzlos herum.“ Weil sie keine Exportladung an die Terminals bringen dürften, könnten sie aber auch keine Importware fürs Hinterland aufnehmen. „Diese verstopft die Terminals dann zusätzlich.“ Für die Spediteure und Kunden sei das ein teures Problem. „Obgleich sie für den Missstand nicht verantwortlich sind, müssen sie den Terminals die höheren Lagerkosten ausgleichen.“

Hamburger Hafen von Corona-Auswirkungen betroffen

Infolge des Corona-Lockdowns sind die Fahrpläne der Weltschifffahrt völlig außer Takt geraten. War Hamburgs Hafen anfangs noch davon ausgegangen, von den Auswirkungen nur am Rande betroffen zu sein, hat es ihn längst voll erwischt. Importladung kommt mit erheblicher Zeitverzögerung. Exportladung, die normalerweise nur für zwei oder drei Tage vor ihrer Verschiffung auf den Terminals steht, lagert dort derzeit Wochen. Und ausgerechnet jetzt stocken auch noch die Verhandlungen der Hafenunternehmen mit den Gewerkschaften über einen neuen Tarifvertrag. Die Hafenarbeiter sind deshalb wenig motiviert, um Mehrarbeit zu leisten. Die Großcontainerreederei Maersk hat bereits Schiffe umgeleitet.

Die Probleme treffen auch die weiteren Logistikketten im Hinterland. „Ich war für Mittwoch zum Burchardkai bestellt worden“, erzählt ein Binnenschiffer. „Dann hieß es Donnerstag, jetzt Freitag. Mir gehen drei Tage verloren. Eigentlich müsste ich schon längst wieder bei den Binnenhäfen neue Ladung aufnehmen.“

Verzögerungen betreffen ganze Logistikkette

Die ganze Logistikkette sei davon betroffen, erklärt Jens Hohls, Geschäftsführer des Hafens in Braunschweig, dem größten norddeutschen Binnenhafen mit einem Umschlag von 800.000 Tonnen jährlich. „Bei uns stehen Exportcontainer, die eigentlich heute schon in Hamburg sein sollten. Anders herum warten wir seit Wochen auf Ladung, die dringend zu den Empfängern muss.“ Betroffen sei alles, was in Containern transportiert werde, so Hohls. Von fertigen Konsumgütern, über Halbprodukte bis hin zu Rohstoffen der Baustoffindustrie.

Von einer „katastrophalen Lage“ spricht der Geschäftsführer der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe, Heiko Loroff. „Ich weiß nie genau: Geht jetzt mein Container mit aufs Schiff, und bekomme ich ihn rechtzeitig zum Kunden?“ Es sei derzeit ein „knappes Spiel“, ob die Industrie rechtzeitig ihren Nachschub erhalte. „Vor allem unsere chemischen Betriebe warten dringend auf Nachschub.“

Logistik in Hamburg: „Es ist komplett der Wurm drin“

Zudem sei die Zeit der Disposition viel knapper. Dadurch würde Ladung vom Binnenschiff auf Züge oder auf Lastwagen umgeleitet, was man aus Klimaschutzgründen eigentlich vermeiden wolle. Den Hamburger Hafen treffe selber keine Schuld. „Das Problem sind die Schiffsverspätungen und die fehlenden Container.“ Der Hamburger Hafen versucht derweil den Containerzulauf zu kanalisieren. Es wird nur noch Ladung angenommen, wenn feststeht, dass diese auch innerhalb von 48 Stunden die Weiterreise antreten wird. Doch das führt zu weiteren Problemen.

„Es ist komplett der Wurm drin“, sagt Hergen Hanke, Geschäftsführer der Umschlagsfirma Modal 3 im Binnenhafen von Haldensleben am Mittellandkanal. „Unsere Stellplatzkapazitäten werden langsam knapp, weil Hamburg nicht mehr Ware annimmt. Erste Container werden von den Spediteuren bereits umgeroutet, und zwar nach Bremerhaven, weil es dort noch mehr Umschlagskapazitäten gibt.“

Neue Probleme für den Hamburger Hafen

Derweil rollen auf Hamburgs Hafen weitere Probleme zu. Grund ist ein Corona-Ausbruch, der sich weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit im Hafen von Yantian in der chinesischen Provinz Guangdong ereignet hat. Dort sind eine Reihe von Hafenarbeitern an Corona erkrankt. Glaubt man den Meldungen, ist die gefährliche Delta-Variante aus Indien dafür verantwortlich.

Obgleich es sich nur um sehr wenige positive Fälle handelt, hat China drastische Schritte eingeleitet, um einen größeren Ausbruch zu vermeiden. In einem Teil des Hafens ruht die Arbeit. Das Westbound-Terminal wurde für drei Wochen geschlossen. Hier darf kein Container bewegt werden. Das Eastbound-Terminal arbeitet mit 30 Prozent der normalen Kapazität.

Schiffsabfertigungen in Hamburg verschieben sich

Die Schiffsabfertigungen verschieben sich dadurch um mindestens zehn Tage. Die Reederei Maersk spricht ihren Kunden gegenüber sogar von mindestens 14 Tagen. Zahlreiche Liniendienste haben damit begonnen, ihre Schiffe umzurouten und Yantian auszulassen. Die Frachter, die Yantian dennoch anlaufen, müssen aktuell mit sehr langen Wartezeiten rechnen.

Die „Madrid Express“ der Hamburger Traditionsreederei Hapag-Lloyd war beispielsweise für den 25. Mai in dem Hafen angekündigt, dann wurde ihre Ankunft auf den 7. Juni verschoben. „Das macht uns großen Kummer“, sagt ein Sprecher von Hapag-Lloyd. Vier der betroffenen Dienste der Reederei würden auch den Hamburger Hafen bedienen. Hapag-Lloyd befürchtet jetzt, dass es zu einer Kettenreaktion kommt, sodass weitere Häfen betroffen sein werden.“ In Hongkong habe dieses bereits zu Verzögerungen von ein bis drei Tagen geführt.

Produkte für Hamburg noch in China

„Die Probleme werden sich in sechs bis acht Wochen bei uns auswirken“, sagt der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Gunther Bonz. Dann würden die Schiffe erwartet, die jetzt in Yantian abgefertigt werden müssten. Als Folge für Hamburg sagt Bonz einen Gütermangel voraus, weil zahlreiche Schifffahrtsunternehmen Yantian derzeit auslassen.

„Es bleiben Produkte in dem chinesischen Hafen stehen, die eigentlich in Hamburg erwartet werden.“ Dem dänischen Beratungsunternehmen für die maritime Industrie, Vespucci Maritimes, zufolge sind von den Problemen in Yantian rund 357.000 Standardcontainer betroffen. Das seien mehr als beim Stau infolge der Blockade des Suezkanals nach der Havarie des Frachters „Ever Given“ im März.

Hamburger Hafen: Jedes zweite Schiff zu spät abgefertigt

Die neuerlichen Verzögerungen kommen für die Handelsschifffahrt zur Unzeit. Denn diese bemüht sich gerade, die seit dem letzten Lockdown entstandenen Verspätungen in ihren Fahrplänen wieder aufzuholen. Doch eine sprunghaft gestiegene Konsumnachfrage, die extreme Knappheit verfügbarer Container und die Verzögerungen durch den Unfall im Suezkanal haben die Situation hier noch verschärft.

Im Hamburger Hafen wird schon jetzt etwa jedes zweite Schiff mit Verspätungen abgefertigt. Die Situation in Yantian wird nicht zur Entspannung beitragen. „Die Zahl der Schiffe mit Verspätungen wird sich bei 50 Prozent plus einpendeln“, sagt Bonz voraus. Am Ende wird das jeder Kunde bemerken, wenn er bei bestimmten Gütern im Handel vor leeren Regalen steht.

Quelle: Hamburger Abendblatt